LUC CIOMPI

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Mit PROF. LUC CIOMPI spricht PATRICK PERRENOUD über die Ankunft der noch jungen Familientherapie in der Schweiz. Daneben werden andere Themen gestreift: Luc Ciompis Werdegang, seine Erfahrungen in Lausanne, die Begegnung mit Ilya Prigogine, das Konzept der Affektlogik, die Soteria Bern. Das Interview wurde am 30. August 2014 in Belmont-sur-Lausanne aufgenommen.

PROF. LUC CIOMPI ist ein Pionier der Sozialpsychiatrie in der Schweiz mit internationaler Bekanntheit. Er ist unter anderem durch die ‹Soteria Bern›, einer Klinik mit experimentellem Charakter zur Behandlung psychotischer Störungen bekannt geworden. Luc Ciompi, geboren 1949 in Florenz, studierte Medizin in Bern und kam 1963 an die Universitätsklinik Cery in Lausanne, wo er die radikalen Veränderungen in der Psychiatrie der 60er und 70er Jahre miterlebte – als Zeitzeuge, aber auch als aktiver Teilnehmer. 1977 wurde er als ärztlicher Direktor für Sozialpsychiatrie nach Bern berufen. Er entwickelte das Konzept der Affektlogik, auf dem das Therapiemodell der Soteria Bern beruht. Heute ist Luc Ciompi weiterhin als Buchautor; Publizist und als geschätzter Vortragender an Seminaren und Kongressen aktiv.

BIOGRAPHISCHE DATEN

1929    Luc Ciompi geboren in Florenz und aufgewachsen in Worb bei Bern

1950-1956    Studium der Medizin in Bern, Genf und Paris

1956-1963    Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an den Universitäten Bern und Genf

1959-1970    Psychoanalytische Ausbildung in Bern, Genf und Lausanne

1963-1972    Leiter der Forschungsgruppe über Langzeitverläufe an der psychiatrischen Universitätsklinik Cery in Lausanne

1968-1976    Systemisch-familientherapeutische Ausbildung in Lausanne

1972-1977    Ärztlicher Leiter der sozialpsychiatrischen Dienste
 Universitätsklinik Cery in Lausanne

1977-1994    Ordentlicher Professor an der medizinischen Fakultät der Universität Bern; Ärztlicher Direktor der Sozialpsychiatrischen Universitätsklinik Bern

1984-1998    Gründung der therapeutischen Wohngemeinschaft ‹Soteria Bern›

1986        Sabbatical am Institut von Prof. Ilya Prigogine, Bruxelles.

1994-1997    Gastprofessor am Konrad Lorenz Institut in Altenberg bei Wien

seit 1995    Freier wissenschaftlicher Buchautor und Publizist, Vorträge und Seminarien

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GLOSSAR

Erläuterungen zu Stichwörter und Namen (alphabetisch)

ANTIPSYCHIATRIE: Heterogene politische und soziale Bewegung der 60er Jahren mit kritisch-reformistischer bis zu radikal ablehnender Haltung gegenüber der institutionalisierten Psychiatrie. Exponenten dieser Bewegung waren David Cooper, Ronald D. Laing und Thomas Szasz. Weiter gehörten auch Michel Foucault, Erving Goffmann, Franco Basaglia u.a. zu dieser Bewegung.

FRANCO BASAGLIA (1929-1980), italienischer Psychiater, war die 
herausragende Persönlichkeit der Psychiatriereform in Italien, die mit der ‹Legge 180› und der darauf folgenden Schliessung der grossen Anstalten 1978 ihren Höhepunkt erreichte.

GAETANO BENEDETTI (1920-2013), italienischer Psychiater und 
Psychoanalytiker. Lebte und wirkte in Sizilien, Mailand, Zürich und Basel. Erforschte die Anwendung psychoanalytischer Methoden in der Behandlung der Psychosen.

Iván Böszörményi-Nagy (1920-2007), ungarischer Psychiater und Familientherapeut. Nach seiner Emigration in die  USA lebte und wirkte er in Philadelphia. 1957 Gründung eines Forschungszentrum für Familientherapie. Mit seinem Namen sind Begriffe wie kontextuelle Therapie, Parentifizierung und intergenerationelle 
Perspektive verbunden.

Double-Bind-Theorie (englisch: double bind theory, französisch: théorie de la double-contrainte) gehört zu den Gründungs-
mythen der systemischen Familientherapie. 1956 erschien der 
‹Artikel Towards a Theory of Schizophrenia› des Anthropologen Gregory Bateson und seiner interdisziplinären Forschergruppe. 
Der Double-Bind beschreibt eine Kommunikationsform, bei der 
widersprüchliche Botschaften gesendet werden, die zu psychischen Störungen führen. Die Bedeutung in der Entstehung der Schizophrenie musste später relativiert werden, der Begriff ist aber weiterhin gebräuchlich.
Die Psychiatrie-Enquête: 1971 wurde in Deutschland eine 200-köpfige Experten-Kommission beauftragt, die psychiatrische Versorgung zu untersuchen. Der Schlussbericht wurde 1975 publiziert und leitete die Psychiatriereform in Deutschland ein.
Enquête de Lausanne: Langzeitstudie über den Verlauf bei 
Menschen mit schizophrener Erkrankung. In die Studie (Katamnese) wurden 300 Personen aufgenommen. Die Resultate 
haben Christian Müller und Luc Ciompi 1976 auf Deutsch publiziert: ‹Lebensweg und Alter des Schizophrenen; eine katam-
nestische Langzeitstudie bis ins Senium› (Springer, Berlin).
Frida Fromm-Reichmann (1889-1857), deutsch-amerikanische Psychiaterin und Psychoanalytikerin. Sie war bis 1931 mit dem 
Psychoanalytiker und Philosophen Erich Fromm verheiratet. Nach Ihrer Auswanderung aus Deutschland 1933 lebte sie in den USA und arbeite in der berühmten Chestnut Lodge an der psychiatrischen Klinik in Maryland. Sie untersuchte u.a. das Kommunikationsverhalten psychotischer Menschen und prägte den – aus heutiger Sicht missverständlichen – Begriff der ‹schizophrenogenen Mutter›. Sie war die Vorbildfigur der Ärztin in Hannah Greens Roman: ‹Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen› (1964).
Geel: Siehe Notiz zu Sozialpsychiatrie
Erving Goffman (1922-1982), kanadisch-amerikanischer Sozio-
loge. Er übte in den 60er Jahren Kritik an die institutionelle Psychiatrie aus. Einflussreiche Bücher: ‹Asylum› (1961) und ‹Stigma› (1963).
Gottlieb Guntern (1939), Schweizer Psychiater und Familien-
therapeut. Nach der Ausbildung in Lausanne verbrachte er länger Zeit in den USA u.a. beim Salvador Minuchin, dem Begründer der strukturellen Familientherapie. Gründung und Leitung als Chefarzt (1978-1988) des Psychiatriezentrum Oberwallis nach einem integrativen Konzept (‹Briger Modell›). In den 90er Jahren Organisation der ‹Zermatter Symposien› und Tätigkeit als  Kreativitätsforscher.
Karen Horney (1885-1952), deutsch-amerikanische Psycho-
analytikerin. Gehört zum Kreis der ‹Kulturalisten›.
Luc Kaufmann (1926-2014), Professor der Psychiatrie, Chef-arzt an der psychiatrischen Klinik Cery (1966-1991). 1965 und 1974 reist  Luc Kaufmann in die USA, wo er Pioniere der Familien-
therapie trifft. In der Schweiz ist er, zusammen mit Odette Masson 
und Joseph Duss von Werdt einer der Begründer der System-
therapie-Bewegung. 1977 gründet er innerhalb der Klinik Cery den ‹CEF› (Centre d’étude de la famille), zusammen mit Elvira Pancheri und Elisabeth Fivaz.
Kennedy act: 1963 unterschrieb der US-President J.F. Kennedy den ‹Community Mental Health Act›, welcher sozialpsychiatrische Reformen auslöste.
Giampaolo Lai (1931), italienischer Psychiater und Psychoana-
lytiker. Nach der Ausbildung in Bologna arbeite er an der psychi-
atrischen Klinik Cery bei Lausanne (1956-1967). Gemeinsame 
Publikationen mit Christian Müller, Luc Kaufmann und Luc Ciompi. Später lebte und wirkte er in Mailand.
Ronald D. Laing (1927-1989), britischer Psychiater, Leitfigur in der antipsychiatrischen Bewegung. Gründung der ‹Philadelphia 
Association› und der experimentellen Wohngemeinschaft ‹Kingsley Hall› mit schizophrenen Menschen in London (1965-1970).
Serge Lebovici: Siehe Notiz zu ‹sectorisation›
Niklas Luhmann (1927-1998), deutscher Sozialwissenschafter und Systemtheoretiker. Hatte grossen Einfluss auf die systemische 
Therapie in Deutschland. Hauptwerk: ‹Soziale Systeme› (1984).
Hôpital psychiatrique de Malévoz in Monthey: Psychiatrische Klinik des Kanton Wallis eröffnet 1901. Einzige Klinik des Kantons bis zur Gründung des Psychiatriezentrum Oberwallis (PZO) im Jahre 1978 in Brig.
Daniel Masson, Psychiater und Psychotherapeut. Ehemaliger 
Leiter der psychiatrischen Tagesklinik in Lausanne. Mitgründer (mit Guy Ausloos u.a.) 1980 und ab 1986 Chefredaktor der Zeitschrift ‹Thérapie familiale›.
Humberto Maturana (1928), chilenischer Biologe und Systemtheoretiker. Zusammen mit seinem Assistenten Francisco Varela
entwickelt er das Konzept der Autopoiese (Selbstorganisation 
lebender Systeme).
Moral Treatment: Siehe Notiz zu ‹Sozialpsychiatrie›
Christian Müller (1921-2013), Professor der Psychiatrie, Ärztlicher Direktor der psychiatrischen Klinik Cery bei Lausanne (1961-1986). Er interessierte sich für die psychoanalytische Behandlung der Schizophrenie, führte zahlreiche Reformen in der psychiatrischen Versorgung durch und leitete eine Nationalfond-Studie über Langzeitverläufe psychischer Störungen (‹Enquête de Lausanne›). Nach seiner Emeritierung befasste sich Christian Müller mit der 
Geschichte der Psychiatrie.
Negative Symptomatik, auch: ‹Minussymptomatik›, bezeichnet eine Rest-, oder Risidual-Zustand bei chronischen Verläufen schizophrener Erkrankungen. Dieser ist gekennzeichnet durch 
Passivität, affektive Verflachung, Verlangsamung, etc. Luc Ciompi kritisiert diese Vorstellung. Der Artikel: ‹Ist die chronische Schizophrenie ein Artefakt?› erschien 1982 im Deutschen Ärzteblatt.
Philippe Paumelle: Siehe Notiz zu ‹sectorisation›
Hôpital psychiatrique de Perreux, bei Boudry im Kanton 
Neuenburg wurde 1897 eröffnet.
Ilya Prigogine (1917-2003), russisch-belgischer Physiko-Chemiker, Nobelpreis für Chemie 1977. Studium in Brüssel, Aufenthalt in 
Austin (Texas) und Chicago. 1967 kehrte er nach Belgien zurück und wurde als Direktor der ‹Instituts Internationaux de Physiques et de Chimie›. Sein Interesse galt der Thermodynamik, die er für 
offene Systeme erweiterte. Phasenübergänge und dissipative Strukturen erlauben die Entstehung komplexer, stabiler Strukturen. Seine Theorien beeinflussten die Systemtheorie, die Kybernetik und die Chaosforschung.
Paul-Claude Racamier (1924-1996), französischer Psychiater und Psychoanalytiker. Lebte und wirkte in Besançon, Paris und 
Prangins (Schweiz). Erforschte die Anwendung psychoanalytischer 
Methoden in der Behandlung der Psychosen.
Schizophrenogenen Mutter: Siehe Notiz zu Frida Fromm-Reichmann
‘Sectorisation’ oder ‘psychiatrie de secteur’: Promotor dieser sozialpsychiatrischen Reform in der Nachkriegszeit in Frankreich war der Psychiater Lucien Bonafé (1912-2003). Berühmt wurde in Paris der Sektor des ‹13ème arrondissement›, gegründet 1958 von  Philippe Paumelle (1923-1974), René Diatkine (1918-1997) und Serge Lebovici (1915-2000).
Mara Selvini Palazzoli (1916-1999), italienische Psychiaterin und Familientherapeutin. Zusammen mit Luigi Boscolo, Gianfranco
Cecchin und Giuliana Prata entwickelte sie das ‹Mailänder 
Modell›. Ihr Spezialgebiet war die familientherapeutische Behandlung der Anorexia nervosa (Magersucht).
Die Sozialpsychiatrie fokussiert den Blick auf den sozialen Kontext, in dem psychisch belastete Menschen leben. Untersucht 
wurden der Einfluss der Wohnverhältnissen, der ökonomischen 
Situation und der Arbeit in der Entstehung, im Verlauf und der 
Heilung oder Besserung psychischer Störungen. Typische sozial- psychiatrische Institutionen sind Tageskliniken, Beschäftigungsprogramme, Wohngemeinschaften, betreutes oder begleitetes Wohnen, etc. Verwandte Begriffe: Gemeindepsychiatrie, 
‹aufsuchende› Psychiatrische Versorgung. Ein Vorläufer der Sozialpsychiatrie war im 19. Jahrhundert der ‹Moral Treatment› in England. Das integrative Lebensmodell von Geel (Belgien) mit der Auf-
nahme von geistig behinderten oder psychischer kranker 
Menschen in Pflegefamilien hat seine Wurzeln vermutlich schon im 13. Jahrhundert. Das Modell hat sein Vorbildcharakter für ähnliche Initiativen bis heute.
Helm Stierlin (1926), deutscher Psychiater, Psychoanalytiker und Familientherapeut. Während seines Aufenthaltes in den USA (ab1957) lernte er sich für die Familientherapie kennen und leitete 1965-1973 die Abteilung für Familientherapie am National Institute of Mental Health in Bethesda Maryland. 1974 folgte er dem Ruf an die Universität Heidelberg als Direktor der Abteilung ‹Psycho-
analytischen Grundlagenforschung und Familientherapie›, bekannt als ‹Heidelberger Schule›. Er ist Mitgründer der Zeitschrift 
‹Familiendynamik›.
Harry Stack Sullivan (1892-1949), amerikanischer Psychiater und Psychoanalytiker. Er interessiert sich im Besonderen für die 
Psychosen und die interpersonellen und kulturellen Aspekte der Psychiatrie. Er gehört zum Kreis der Kulturalisten und der ‹Chestnut Lodge›.
Francisco Varela (1946-2001), chilenischer Biologe und Systemtheoretiker. Zusammen mit seinem Lehrer Humberto Maturana entwickelt er das Konzept der Autopoiese (Selbstorganisation 
lebender Systeme).
John Wing (1923–2010), englischer Psychiater und Psychiatrieforscher. Seit 1951 verheiratet mit der ebenfalls bedeutenden 
Psychiaterin Lorna Wing (1928-2014).